Berglinda - geb. 04.03.1985

... von mir kurz Linda genannt, war eine wunderschöne Oldenburge Stute. Sie hatte sehr gute Papiere und wurde in der Zucht eingesetzt. Ich habe sie mit 10 Jahren bekommen. Die derzeitige Besitzerin hat mir erzählt, dass sie sehr schlecht behandelt und verprügelt wurde. U.a. hatte man ihr das Nasenbein gebrochen. Sie hatte Mitleid mit der Stute und hatte sie freigekauft. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit startete sie den Versuch, sie zu reiten. Das endete auf der Erde. Es versuchten sich noch weitere Freiwillige, zum Schluß eine Bereiterin, aber ebenfalls ohne Erfolg. Aus dem Verhalten des Pferdes konnte man ganz klar erkennen, dass sie panische Angst vor den Reitern hatte. Sie wurde entweder zu früh oder ziemlich grob eingeritten, wahrscheinlich mit Prügel und Gebißstrafen. Denn vor dem Gebiß hatte sie auch Angst. Da die Besitzerin auch züchtet, dachte sie, okay, wenn sie nicht reitbar ist, nehmen wir sie in die Zucht, aber sie hat nicht mehr aufgenommen. Somit war sie nur noch eine Mitläuferin in diesem Stall, mit der man Mitleid hatte. Doch sie kostete Geld und so trug sich die Besitzerin mit dem Gedanken, sie als Gnadenbrotpferd in erfahrene Hände abzugeben oder einzuschläfern.

Da die Besitzerin wußte, daß ich ein Händchen für Problempferde habe, fragte sie mich, ob ich sie haben möchte, sonst wird sie eingeschläfert. Aber sie sagte mir ganz klar, das Pferd ist unreitbar und unberechenbar. Außerdem leidete sie auch am Sommer-Ekzem. Trotzdem gab es für mich nichts zu überlegen, ich nahm sie zu mir.

Anfangs war sie sehr ängstlich. Man durfte keine schnelle Bewegung machen, geschweige denn niesen oder sonst irgendwelche Geräusche. Ich ließ sie die ersten Wochen ziemlich in Ruhe und habe sie nur geputzt, ihr Ekzem behandelt, gestreichelt und ging mal ein paar Meter spazieren. Selbst das war schon schwierig. Man mußte bei ihr immer aufpassen, weil sie unberechenbar war und schnell mal einen Satz zur Seite machte. Auch war das Anbinden ein Problem. Da hatte sie solche Angst, dass sie sich losriss und mir schon einige Halter kaputt gemacht hat.

Mit der Zeit wurde sie aber doch ruhiger und faßte langsam etwas Vertrauen zu mir. Das war der Zeitpunkt, wo ich mir sagte, jetzt fang ich mit Bodenarbeit an und behandelte sie wie ein Fohlen. Mit Erfolg. Sie lief zwar stocksteif und ließ mich nicht aus den Augen, nach dem Motto: "oh je, was wird jetzt wohl wieder kommen".

Inzwischen waren ca. 3 Monate vergangen und ich sah Fortschritte. Dann kam der Tag, wo ich vor ihr stand, sie mit mir richtig schön schmuste und ich mir sagte: "Dieses Pferd soll tatsächlich unreitbar sein?" Ich wollte es nicht glauben, nahm all' meinen Mut zusammen - immerhin hatte sie Stockmaß 1,72 - und sattelte sie ganz vorsichtig. Puh, das hatte ich geschafft, sie war ganz brav. Nun noch die Trense, aber das ging eigentlich auch ganz gut. Dann gingen wir zum Reitplatz. Ich führte sie erst ein paar Runden und stieg dann ganz langsam auf. Sie stand da, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Dann ritt ich sie vorsichtig im Schritt an und ... wow, sie ging ganz brav. Dann dachte ich mir, was haben denn die alle, die ist doch ganz brav. Und genau in diesem Moment schoß sie mit mir los, buckelnd über den ganzen Reitplatz. Ich dachte, ich hätte ein Rodeopferd unter mir. Ich ließ die Zügel fallen, hielt mich nur noch fest und redete mit ihr und siehe da, plötzlich blieb sie stehen. Da fiel mir ein Stein vom Herzen, denn aus dieser Höhe wäre ich ungern runtergefallen. Ich streichelte sie, ritt sie wieder an und sie ging brav ein paar runden Schritt und sogar noch Trab. Das ganze wiederholten wir am nächsten Tag und sie war ganz brav. Ich stellte lediglich fest, dass ich die Zügel nicht annehmen darf, wenn sie Spannung spürte, hatte sie einfach nur Angst. Also ritt ich sie locker im Westernstil mit losen Zügeln. Ich mußte sie erst mal gymnastizieren, aber sie traute sich nicht, den Kopf auch nur einen Millimeter nach links oder rechts zu bewegen. Das habe ich dann mit viel Geduld und mit einer Karotte von oben erreicht. Wir haben einige Zeit geübt und meine Trainerin hat mir auch noch geholfen und in kürzester Zeit gingen wir ins Gelände. Es wird keiner glauben, aber sie war total brav und hat es, glaube ich zumindest, genossen. Ich war so stolz, dass ich sie reiten durfte und ich hatte den Eindruck, der Bann war gebrochen. Aber man mußte immer aufpassen, denn sie war einfach ängstlich und hatte auch keine richtige Ausbildung, da sie ja unreitbar war. Dies zum Thema "unreitbar", da kann man mal sehen, wie schnell ein Pferd abgestempelt wird, obwohl die Menschenhand daran schuld war.

Das Sommerekzem bekam ich im Laufe der Jahre auch ganz gut in den Griff. Sie bekam Spezialfutter und ganz viel Pflege. Aber da war leider auch noch etwas anderes. Ab und zu rastete sie immer mal wieder aus, obwohl ich keinen Grund dafür sah. Sie geriet aus heiterem Himmel in Panik, riß sich los, verlor die Koordination über ihre Beine und hatte auch keinen Orientierungssinn, wo sie hin wollte. Ich machte viele Tests mit ihr, z.B. bis vor den Stall führen, loslassen und nun geh allein in deine Box. Dann war sie völlig hilflos und wußte nicht wohin. Teilweise stand sie mit ihren Beinen über Kreuz in der Box, bewegte ihren Kopf seltsam, als würden ihr Regentropfen auf die Nase fallen. Ich habe dann einige Untersuchungen vom Tierarzt durchführen lassen auf die Gleichgewichtsorgane, aber es war nichts zu finden. Was für sie auch schlecht war, war der Umgang mit Pflegern in den Pensionsställen. Da sie zu niemandem Vertrauen hatte, war sie schwierig zu führen und die Pfleger hatten keine Geduld mit ihr und machten mir meine ganze Arbeit wieder kaputt. Also ging ich einen Selbstversorgerstall, wo nur ich sie versorgte und zur Weide brachte. Das ging dann besser. Ich brauchte bei ihr nicht einmal mehr einen Strick, sie lief mir nach wie ein Hündchen. Doch es war nicht zu übersehen, dass sie von irgendetwas geplagt wurde. Das letzte Jahr wurde zusehens schlechter und der Umgang mit ihr immer gefährlicher. Wobei mir klar war, dass sie mir nichts böses wollte, sondern einfach nur Panik und wahrscheinlich teilweise Schmerzen hatte.

Nach vielen und langen Gesprächen mit dem Tierarzt, kam er zu dem Entschluß, dass evtl. durch die Prügel, die sie bezogen hatte, ein Hämatom im Kopf zurückgeblieben sein könnte, was ab und zu drückte, ihr Schmerzen verursacht und sie deswegen ausrastet. Ich habe dann noch Monate mit mir selbst gekämpft und sie beobachtet, aber mein Pferd gab mir ganz klar zu verstehen: "Ich kann nicht mehr, laß mich los" ....

Der Tag "X" kam dann im Februar 2003. Ich machte mit dem Tierarzt einen Termin aus. Er setzte die Spritze, sie fiel sanft um, eigentlich hat sie sich noch selbst hingelegt, und schlief ganz ruhig ein. Ich streichelte sie die ganze Zeit und stand noch eine Weile bei ihr ... ich war sehr traurig und doch irgendwie erleichert ...

Und hier noch ein Bild von der "unreitbaren Linda"

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